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Gedämpftes US Lohnwachstum trotz Vollbeschäftigung: Anomalie oder neue Normalität?

US Lohnwachstum weitgehend erklärbar

Das amerikanische BIP wächst mit robusten 2.2% p.a., getrieben mehrheitlich durch den Konsum sowie Investitionsausgaben. Die Arbeitslosenrate nähert sich historischen Tiefstwerten. Trotzdem wachsen die Stundenlöhne nur moderat, wie die folgende Grafik zeigt:

Es floss bereits viel Tinte zum Thema US-Löhne, die trotz robustem Wachstum nicht wirklich steigen. Als Schuldige werden typischerweise Globalisierung, ruchlose internationale Firmen, die in Billiglohnländern produzieren und geldgierige Firmeneigner identifiziert, die den Mitarbeitenden die Früchte ihrer Anstrengungen nicht gönnen.

Ökonomische Wissenschaftler im Ableger des Fed in San Franzisco sind jüngst dieser Frage nachgegangen und - nur auf den ersten Blick - auf überraschende Erkenntnisse gestossen (Daly et. al., What's up with wage growth, FRBSF Economic Letter 2016 sowie American Economic Review 2017).

Öffentlich diskutierte Indikatoren (wie die Grafik oben) sind hoch-aggregierte statistische Erhebungen. Es handelt sich um Durchschnittszahlen und deren Dynamik im Zeitablauf. Zerlegt man diese Statistiken in ihre Bestandteile, was als Dis-Aggregation in die Elemente Vollzeitbeschäftigte, Medianeinkommen und Ein-/Austritte in den Arbeitsmarkt bezeichnet wird, dann erhellt sich das Bild deutlich, wie die folgende Grafik zeigt:

Das Lohnwachstum der Vollzeitbeschäftigten (blaue Linie) nach der schwachen Rezession im 2001 entwickelte sich von etwa 3% auf 5%. Ab 2007 sank dieses Wachstum im Umfeld der grossen Finanzkrise auf 2%. Das Lohnwachstum hat sich seither auf über 4% erhöht. Nimmt man die mittleren Löhne (Medianeinkommen, schwarze Linie), so ist das Wachstum im Bereich von 3%.

Die Vollzeitbeschäftigten stellen zwar die Mehrheit der Arbeitnehmer, aber eben nicht die Gesamtheit. Im Medianeinkommen sind auch diejenigen Beschäftigten drin, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, wie Schulabgänger oder Zweitverdiener in Familien. Neu eintretende Arbeitnehmende, egal ob von der Schule, oder aus einer Situation von freiwilliger oder unfreiwilliger (Teilzeit-) Arbeitslosigkeit, verdienen unterdurchschnittliche Löhne. Ein starkes Wachstum in den Job-Angeboten kann die Durchschnittslöhne sowie die Wachstumsraten der Löhne zunächst senken, wie die rote Linie als negativer Beitrag zum Lohnwachstum aufzeigt.

Genau das ist passiert. Parallel zum höheren Wirtschaftswachstum haben sich viele Arbeitnehmende neu ins Berufsleben (re-) integriert; die tieferen Anfangslöhne haben den Durchschnittslohn nach unten gezogen. Baby-Boomer, die seit einigen Jahren in erhöhter Zahl ins Pensionsalter kommen, haben diesen Effekt deutlich verstärkt. Ältere Arbeitnehmende haben in den letzten Berufsjahren typischerweise Löhne, die über den Durchschnittslöhnen liegen. Ein Indiz übrigens, dass Erfahrung eben doch zählt.

Jüngst haben sich die negativen Beiträge von Ein-/Austritten in den Arbeitsmarkt auf die publizierten Lohnwachstumsraten reduziert. Gut möglich, dass in den nächsten Quartalen das Lohnwachstum auch in den aggregierten Zeitreihen visibel wird.


Frankreich hat gewählt

Frankreichs neuer Präsident Macron fängt seine Regierungszeit mit einer absoluten Parlaments-Mehrheit seiner Partei La République en marche über 310 von 577 Sitzen an. Diese Wahl ist ihm und den Franzosen zu gönnen. Die Erwartungen sind hoch; die Herausforderungen immens.

Frankreich ist von einem starken Zentralismus geprägt, im Gegensatz zu eher föderalistischen Strukturen in Deutschland oder gar der Schweiz. Macron ist ein Enarch, also ein Absolvent der politischen Kaderschmiede École National d'Administration ENA.

Frankreich hat gewählt

Einkommensungleichheit USA

50% der US-Bevölkerung partizipiert nicht am Wachstum

Das Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert", englisch "Capital in the Twenty First Century", von Thomas Piketty, hat vor zwei Jahren eine enorme Flut von redaktionellen Stellungnahmen erzeugt. Gemäss Piketty besteht der Haupttreiber der Ungleichheit darin, dass Gewinne aus Kapital höher seien als die ökonomischen Wachstumsraten. Dies führt zu höherer Ungleichheit in immer extremeren Formen, gefährdet den sozialen Frieden und unterminiert die Werte der Demokratie.

Unabhängig davon, ob man die Therapie Pikettys - sehr hohe Vermögenssteuern - teilt oder nicht (wie bspw. der Dekan Greg Mankiw der ökonomischen Fakultät von Harvard), kommt man in der ökonomischen Anamnese nicht umhin, eine hohe Einkommensungleichheit zu konstatieren.

Wie eine neue Arbeit von Piketty, Saez und Zucman zeigt, haben 50% der US-Amerikaner in den letzten 40 Jahren keine Einkommensfortschritte erzielt.

 

 

Die Grafik zeigt eindrücklich, dass das ökonomische Wachstum der USA für den Durchschnittsamerikaner (grüne Linie, 'average') von 30'000 USD auf über 60'000 USD gewachsen ist. Der Einzelne kann vom Durchschnitt nach oben und unten mehr oder weniger deutlich abweichen. Bedenkenswert ist die Situation für die unteren 50% der Bevölkerung ('bottom' 50%). Unabhängig davon, ob das Pro-Kopf-Einkommen Vor-Steuern ('pre-tax') oder Nach-Steuern ('post-tax'), also inklusive staatliche Transferzahlungen, betrachtet wird: die Hälfte der US-Amerikaner nimmt am steigenden Wohlstand nicht oder kaum teil.

Wie die Autoren ermittelt haben, gehen die staatlichen Transferzahlungen an den älteren Teil der Bevölkerung sowie an die Mittelklasse. Über eine ganze Generation hinweg hat der arbeitende Teil der unteren 50% der Bevölkerung keinerlei finanzielle Fortschritte gemacht. Das verfügbare Nachsteuereinkommen stagniert seit Jahrzehnten bei USD 16'000.-

 

 

Wer profitiert?

Was die unteren 50% der Bevölkerung nicht erhalten geht an die obersten 1% der US-Bevölkerung.

Der neue US-Präsident hat von den unteren 50% der Bevölkerung viele Stimmen erhalten und Hoffnungen geweckt. Ob seine wirtschaftspolitischen Massnahmen erfolgreich sein werden, ist momentan schwierig einzuschätzen; an Kritik mangelt es nicht. Dass er erfolgreich ist, wäre den betroffenen Amerikanern auf alle Fälle zu wünschen.


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